Ein Kreis für innere Anteile

Vielleicht kennst Du das auch? Manchmal fühlt es sich in unserem Inneren so durcheinander (oder vielleicht auch neblig oder stürmisch oder…) an, dass es total unangenehm ist. Und dann tendieren wir vielleicht dazu

  • vor diesem Chaos wegzulaufen (“Fluchtmodus/Flight”, vielleicht lenken wir uns ab mit Essen oder Fernsehen oder Social Media oder was auch immer…)
  • den Grund für diesen unangenehmen Zustand im Außen zu suchen und zu bekämpfen (“Kampfmodus/Fight”, vielleicht machen wir jemanden, der gerade in unserer Nähe ist oder momentane Umstände oder uns selbst/unser eigenes “Unvermögen” für die Situation verantwortlich, in dem Glauben, dass wenn dieser bekämpft ist, es in uns wieder friedlich wird (was durchaus kurzfristig und oberflächlich auch so sein kann))
  • innerlich (oder auch äußerlich) zu erstarren (“Totstellen/Freeze”), nach dem Motto “Ich bin so lange mucksmäuschenstill, bis das Chaos vorüber zieht. Dies mag womöglich auch irgendwie “funktionieren”, dient uns jedoch nicht wirklich in unserem inneren (emotionalen, seelischen und auch mentalen) Wachstum. Manchmal “verwechseln” wir vielleicht auch den “Freezemodus” mit Präsenz, jedoch fühlt es sich, wenn wir ehrlich sind, anders an, denn “Freeze” ist angespannt und Präsenz ist (je mehr wir uns darin üben) entspannt und offen.

Tja, aber was können wir jetzt mit all den inneren Stimmen, Meinungen und Anteilen machen, die zu diesem inneren Durcheinander oder Nebel führen?

Eine Möglichkeit, die ich sehr schätze, ist der Kreis bzw. Rede- und Hörkreis für die inneren Anteile, die gerade da sind.

Zur Erklärung, was ich damit meine, möchte ich kurz ausholen. Denn ich biete ja auch immer wieder verschiedene Kreise an, in denen Menschen zusammen finden, die einen achtsamen, wertschätzenden und bedingungslosen Umgang miteinander schätzen.

Wenn sich dann alle Teilnehmer (das sind oft ganz unterschiedliche Menschen, die da jeweils zusammenfinden) im Kreis Platz genommen haben und nach einigen Minuten alle an ihrem Platz “angekommen” sind, wird der Kreis eröffnet.

“Ankommen” meint auch, dass jede/r die Möglichkeit hat, für einige Momente die Augen zu schließen, den momentanen Rhythmus der eigenen Atmung, des Herzens und die Körperempfindungen wahrzunehmen und dass alles, was in diesem Moment in und an ihr/ihm gerade da ist, auch da sein darf. (Sei es die Frisur, die heute irgendwie doof aussieht oder das Loch in der Socke oder die Knoblauchfahne oder eine innere Unruhe, während alle anderen scheinbar so entspannt und verbunden sind, oder eine Traurigkeit, während scheinbar alle anderen fröhlich sind (oder ungekehrt) oder oder oder…

In diesem Kreis hat alles, was gerade da ist, eine wertvolle Berechtigung und findet Raum, sich auszudrücken und wird gehört.

Und mit diesem Commitment und dieser Präsenz und Offenheit der Teilnehmer wird die Schönheit des Gesagten spürbar – die Schönheit der Verletzlichkeit oder Kraft der Gefühle dahinter; die Schönheit der klaren oder zerbrechlichen Stimme; die Schönheit des im Gleichklang trommelnden oder wild und aufgeregt pochenden Herzens; die Schönheit des jeweiligen Gegenübers in diesem jeweiligen Moment, jenseits von Bewertungen und Vergleichen.

Und diese Erfahrungen sind sooo kostbar für alle Beteiligten. Denn es ist so spürbar, dass jeder Mensch, auch der, der noch so toll und erfolgreich scheint, Sehnsüchte und Wünsche hat. Es ist spürbar, dass das, was der eine vielleicht an sich nicht mag, vom anderen wertgeschätzt wird – was der eine vielleicht als Mangel empfindet, erscheint dem anderen als Schatz. Es ist spürbar, das jeder in seiner ureigenen Individualität “nur mit Wasser kocht” und dass keins dieser Wasser besser oder schlechter ist, weil es alles aus der selben Quelle stammt.

Und es muss nichts mit dem Gesagten gemacht werden. Nichts muss verbessert, verändert oder geheilt werden. Es findet einfach nur Raum. Wird gehört, gesehen, anerkannt… und kann sich schon allein dadurch ganz natürlich entspannen. In diesem Raum geschieht oft ganz ohne unser Zutun Transformation, Harmonisierung und Heilung.

So, nun aber zurück zu unseren inneren Stimmen und Anteilen, die wir natürlich auch in einen wertschätzenden achtsamen Kreis (in uns selbst) einladen können.

Alles, was wir hierfür brauchen, ist ein wenig Zeit und Raum für uns und etwas zu schreiben.

Dann setzen wir uns hin und spüren in uns hinein. Hier gibt es kein “richtig” und kein “falsch”. Wir vertrauen unserer Intuition und unserer inneren angeborenen Weisheit.

Welche Anteile/Stimmen sind jetzt gerade da? Welche Gefühle oder Körperempfindungen sind gerade spürbar?

Als ich diese Übung zum ersten Mal gemacht habe, war ich überrascht, wie schnell sich die inneren Anteile/Stimmen gemeldet haben, so als hätten sie nur darauf gewartet, endlich Raum für Ausdruck zu bekommen:

Da war eine erstarrte Angst darüber, sowieso immer das falsche zu machen. Trotz und Ablehnung schimpften “Es bringt doch eh alles nichts!”. Zweifel blickte hierhin und dorthin, verglich sich und breitete sich aus. Eine Angst darüber, immer zu spät dran zu sein. Schuld und Scham über die eigene Faulheit. Schüchternheit und Resignation. Selbstvorwurf, zu verträumt zu sein.

Und während sie alle meiner offenen Einladung folgten, ihren Platz im Kreis einzunehmen, kamen auch die Liebe, die Weichheit, das Mitgefühlt und die Annahme mit hinzu und nahmen Platz. (Mit ihnen hatte ich ehrlich gesagt gar nicht gerechnet, denn trotz aller Offenheit und Bereitschaft, hatte ich doch insgeheim mit einer Art “Kampf der Giganten” gerechnet und mich mutig auf eine Schlacht negativer Gefühle eingestellt;-)

Ich schrieb also alle Anteile/inneren Stimmen auf, als Teilnehmer dieses Kreises und ließ ihnen dann noch einige Momente Zeit, anzukommen (s. o.). Ich atmete einige Male tief und bewusst ein und aus, spürte meinen Körper und richtete bewusst meine Aufmerksamkeit darauf, jetzt offener Hör-Raum zu sein.

Dann lud ich den ersten “Teilnehmer” auf meiner Liste ein, sich zu äußern. Jede Stimme/jeder Anteil wurde als individuelle Persönlichkeit ernst genommen und hatte Raum, zu sprechen oder eben nicht. Und es gab die Vereinbarung, dass jeder aussprechen darf, dass niemand dem anderen reinquatscht und dass, wenn der jeweilige “Teilnehmer” fertig ist, noch einige Atemzüge Stille ist, damit auch die Essenz des Gesagten/Nicht-Gesagten Raum findet.

Quasi automatisch schreibend erfasste ich alles, was aus meinem Innersten – geordnet nach Anteilen – zum Vorschein kam. Es gab Anteile, die machten sich sprudelnd Luft und andere, die einfach nur gesehen werden wollten, aber eigentlich gar nichts zu sagen hatten. Jeder “Teilnehmer” wurde, nachdem er gesprochen hatte oder eben nicht, willkommen geheißen und für sein Teilen bzw. seine Anwesenheit bedankt.

Und auch hier war ich ziemlich überrascht, wie gesittet und wertschätzend die einzelnen Anteile sich ausdrückten und miteinander umgingen.

In vergleichsweise kurzer Zeit fühlte ich in mir tiefen Frieden, konnte jeden Teil verstehen, mit ihm mitfühlen und dadurch akzeptieren. Und mit der Akzeptanz konnte ich die ihm innewohnende Energie wieder ganzheitlich in mir an-nehmen und integrieren. Ich war nicht länger aufgespalten in Einzelteile, die einander bekämpften, einschränkten, lähmten, verwirrten oder was auch immer…

Ich war “das große Ganze”, in dem das alles stattfand: vor dem Kreis war es “aufgekocht” und während des Kreises beruhigte es sich wieder. So gewann ich in diesem Kreis ganz viele Erkenntnisse über mich, meine Glaubenssätze, meine Wünsche und Visionen und meine Fähigkeiten und Kräfte.

Vor allem erkannte ich (wieder einmal;-) sehr deutlich, dass ich alle Kapazitäten habe, all diese Anteile zu führen, zu lenken und, indem ich ihnen von Zeit zu Zeit präsenten Raum gebe, ihre Energien konstruktiv freizusetzen und schöpferisch und kreativ zu nutzen für die Gestaltung meines Lebenskunstwerks.

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